Martin Philipp: 2 Jahrzehnte St. Matthäi

 

Ausflug des Kindergottesdienstes 1955

I. Der Einstieg
Die folgenden Zeilen bieten keine Chronik, auch nicht in kürzester Form, sondern nur einige Streiflichter aus der Erinnerung an unsere 20 Dienstjahre an St. Matthäi 1965 - 1985.


Unser Anfang war nicht ganz problemlos. Nachdem ich im Oktober 1964 gewählt war, erhielt ich von der Lübecker Kirchenleitung meine Bestallungsurkunde mit Wirkung vom 1. Dezember 1964. Als ich vorher beim Landeskirchenamt in Kassel eine Art Abschiedsbesuch machte, sagte man mir, das sei ganz unmöglich. Ich könne jetzt die Gemeinde Großalmerode nicht verlassen. Richtig war, daß ich dort wegen einer Vakanz beide vorhandenen Pfarrstellen zu versehen hatte. So kam es zu einem langen Telefongespräch der Bischöfe Vellmer/Kassel und Prof. Meyer/Lübeck, in dem sie sich so einigten, daß ich in Großalmerode die Dienste bis Februar 1965 weiterführen und noch vorzeitig die Konfirmation halten sollte. Nach den 14 Weihnachts- und Jahreswechselgottesdiensten bereitete ich die Konfirmanden intensiv vor und hielt im Februar die beiden Konfirmationen. Am 25. Februar 1965 zogen wir bei Schneesturm in der Schwartauer Allee 80 ein; ich war einigermaßen ausgepumpt. Meine beiden Mitpastores, Frau Dr. Haseloff und Gottfried Pangritz, boten mir liebenswürdigerweise an, ich solle nach meiner Einführung am 7. März 14 Tage eine heimliche Pause einlegen zum Ausruhen und zum Eingewöhnen. Leider wurde daraus nichts, weil Pastor Pangritz erkrankte und Frau Dr. Haseloff sich einer Augenoperation unterziehen mußte. So begann ich für kurze Zeit als Verwalter von drei Pfarrstellen!

II. Aufgaben und Schwierigkeiten
Der II. Bezirk besaß Anfang 1965 kaum noch Mitarbeiter. Während der fruchtbaren Dienstzeit von Pastor Benn vollzogen sich langsam markante Veränderungen in den Wohnverhältnissen. Die oft viel zu dicht belegten Wohnhäuser wurden "ausgedünnt". Besonders Neu-Vermählte und junge Familien bemühten sich um bessere Wohnungen, meist in Neubaugebieten, während die älteren Menschen blieben. Ein Barackenlager am Nordrand des Bezirks wurde abgebrochen. Dort waren vorwiegend Flüchtlingsfamilien aus Ostpreußen und anderen Ostgebieten untergebracht. Aus ihrer Mitte stammten wichtige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinde (Landeskirchliche Gemeinschaft, Ostpreußischer Gebetsverein, Vandsburger, u.a.). Sie fanden Wohnung in anderen Stadtteilen und gingen der Gemeinde verloren. So ging eine blühende Bezirksarbeit allmählich zurück, wozu eine lange Vakanz noch erheblich beitrug. Darum war mancher Neuaufbau zu leisten. Wir haben dafür mehrere Schwerpunkte in Angriff genommen:
1. Eine Kinderevangelisation und wöchentliche Kinderstunden.
2. Einen Kreis für jüngere Ehepaare.
3. Einen regelmäßigen wöchentlichen Bibelabend, bei dem seminarartig biblische Zusammenhänge im Sinne der Heilsgeschichte erarbeitet wurden. Das diente der Zurüstung Aller am Verständnis der Bibel und den an der Mitarbeit in der Gemeinde Interessierten.
4. Meine Frau übernahm zusammen mit Frau Holland den bestehenden Frauenhilfskreis, der erfreulich weiterwuchs (bis zu 50 Frauen) und fortan eine der entscheidenden stabilen Stützen des Gemeindebezirkes bildete.
5. Aus dem Ehepaarkreis entwickelten sich später zwei Mütterkreise, die meine Frau zusammen mit Frau von Dessien und Frau Pangritz leitete. Auch diese Kreise erlebten starken Zulauf und gewannen Bedeutung für das Ganze. Gleichzeitig gab es aber auch charakteristische Schwierigkeiten.
Von Anfang an waren wir Pastoren uns einig, daß die Bezirkseinteilung die Einheit der Gemeinde nicht beeinträchtigen dürfe. Wir unterschätzten dabei die Zähigkeit einer unguten Tradition. Der erste und der zweite Bezirk sind seit der Gemeindegründung jahrzehntelang getrennte Wege gegangen. Das erfuhr in der Zeit des Kirchenkampfes eine schmerzliche Vertiefung, als die beiden Pastoren zu den entgegengesetzten Lagern gehörten, hier dem NS-Staat zugetan, dort in der bekennenden Kirche. Die beiden Pastoren haben nach dem Krieg ihr Verhältnis zueinander geistlich klar und menschlich anständig bereinigt. Die Bezirke aber wuchsen nicht wirklich zusammen. Obwohl die geschichtlichen Ursachen längst überholt und antiquiert waren, blieb die Distanz. Greifbare Gründe gab es dafür nicht, allenfalls unbewußte Animositäten. Ein massives Beispiel für ihre Stärke erlebten Pastor Pangritz und ich, als wir unbefangen den vernünftigen Beschluß faßten, die beiden bestehenden Gemeinschaftsstunden zusammenzulegen und einmal wöchentlich abwechselnd in den beiden Gemeinderäumen zu halten. Also zogen wir vom II. Bezirk am nächsten Sonntagabend in guter Erwartung zum Kirchsaal I und trafen uns zur ersten gemeinsamen Runde. Am folgenden Sonntag erschien bei uns nur eine junge Mitarbeiterin, die noch heute zur Kerntruppe gehört. Es war trotz mehrerer Versuche und Aussprachen nicht möglich, über diesen Graben hinwegzukommen! Die Gemeinschaftsstunde I wurde später von Pastor Pangritz eingestellt. Jeder Bezirk behielt seinen eigenen Bibelabend. Inzwischen ist diese Tradition glücklicherweise längst überwunden und erscheint uns heute fast wie ein böser Traum.
Eine weitere Schwierigkeit bildete der häufige Wechsel hauptamtlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, sowie mehrere Vakanzen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in den zwei Jahrzehnten 14 Pastoren als Stelleninhaber, als Vertreter und Vikare erlebt. Die Zahl der offiziellen und inoffiziellen Gemeindehelfer und -helferinnen ist noch weitaus größer. Stabil war die Kirchenmusik: Es gab nur einen Organistenwechsel, als 1978 Frau Heller nach Herrn von Massenbach das Amt übernahm. Der Leiter des Posaunenchores war unverändert Hans-Ludwig Senkpiel. Am stabilsten war unsere Gemeindeschwester Elfriede Beese! Einer unserer wichtigsten tragenden Mitarbeiter hielt sich stets bescheiden im Hintergrund: Unser Kirchenvogt Herbert Weist. Ich verdanke ihm viel!
Aber nun habe ich Namen genannt. Das ist unvorsichtig. Denn noch viele andere müßten hier mit gleichem Recht genannt werden. Das gäbe dann doch ein Buch. Denn Gott hat unsere Gemeinde durch die treue, oft unauffällige Mitarbeit vieler reich gesegnet; ihnen gebührt Dank.
Noch eine andere Schwierigkeit sei genannt: Die starke Fluktuation in der Bevölkerung. Uns traf sie manchmal empfindlich. Kaum hatten sich neue Gemeindeglieder und Gäste eingearbeitet, so daß wir hofften, sie würden Aufgaben übernehmen können, mußten sie die Gemeinde schon wieder verlassen. Berufswechsel, Versetzung, Heirat, die neue Wohnung u.a. waren die Gründe. Wer ist nicht alles durch unsere Kreise gegangen!
Manchmal kamen wir uns vor wie eine Ausbildungsstätte für unsere ganze Kirche. Aber nun wird es Zeit, auch von Ergebnissen zu sprechen.

III. Das Senfkorn wächst
Etwa zehn Jahre hat es gedauert, bis wir sehen konnten, daß Neues gewachsen ist. Die Konzentration auf Predigt und Bibelstudium zahlte sich aus. Die Gemeinde erhielt ihr eigenes unverwechselbares Profil. Der Mitarbeiterkreis lernte theologisch zu denken und zu urteilen. Noch weitaus wichtiger und schöner war es, daß eine Kerngemeinde auch zu einem engeren und persönlicheren Verhältnis des Vertrauens und der Liebe zusammenwuchs und ein Stück Lebensgemeinschaft praktizierte. In wievielen seelsorgerlichen Gesprächen - und zwar nicht nur mit dem Pastor - wurden persönliche Probleme durchgesprochen und geklärt! Neue Freundschaften entstanden, die aber nicht zu unerwünschter Cliquenbildung führten, sondern eher die Kreise festigten. Aus der Kinderarbeit und den Konfirmandenjahrgängen fanden jedes Jahr einige in die dauerhafte Bindung an die ganze Gemeinde hinein, weil sie Jesus selbst als ihren Heiland und Herrn erfuhren. Allmählich fanden auch Einwohner aus anderen Stadtteilen zur Personalgemeinde und bereicherten spürbar die Gemeinde durch ihre Mitarbeit. Inzwischen sind nicht wenige junge Menschen aus der Gemeinde in den vollzeitlichen Dienst der Kirche und der weltweiten Mission getreten.
Nach dem Ausscheiden von Pastor Pangritz war eine lange Durststrecke zu überwinden. Sie wurde zu einer besonderen Segenszeit. Die Kirchenleitung half uns durch mehrere Vertretungspastoren, u.a. auch durch den Amerikaner James Stern.
Aber wir brauchten ja eine dauerhafte Stellenbesetzung. Der Kirchenvorstand und die gesamte Mitarbeiterschaft standen zusammen in der Suche nach dem rechten Nachfolger. Wie dann die Lösung gefunden wurde, kann mit Fug und Recht ein geistliches Abenteuer genannt werden (ob wir diese Geschichte noch einmal zum Besten geben sollten??); aber dahinter stand freilich Gottes eigene klare Führung, die schließlich von allen beteiligten Personen und Dienststellen als solche erkannt und ausdrücklich angenommen und bezeugt wurde. Der "Privat-Vikar" Johannes Ströh konnte schließlich - im Gegensatz zu allen ursprünglichen Vereinbarungen und Absichten - zum Pastor des ersten Bezirks berufen werden. Nun ist Familie Ströh schon bald ebenso lange in St. Matthäi, wie wir es gewesen sind.
Nach unserem Ausscheiden und einer Vakanzzeit folgte Pastor von Dessien der erneuten Berufung nach St. Matthäi. Er ist nun der einzige, dessen Bild in der Pastorengalerie in der Sakristei zweimal aufgehängt werden mußte! 1967-73 und 1985-94 sind seine beiden Dienstzeiten gewesen.
Die Matthäi-Gemeinde ist auch noch in unserer Zeit in Lübeck als eine Art Reservat für besonders Fromme angesehen und nicht selten skeptisch beurteilt worden. "Wo sind Sie? In St. Matthäi? Ach sooo..." Das hat sich nachhaltig geändert. Unsere Kirchenleitung weiß, daß die Gemeinde mit ihrer geistlichen Prägung loyal zu unserer Nordelbischen Kirche steht und ihre Nöte und Wunden mitträgt. Wir beten und arbeiten dafür, daß von St. Matthäi auch im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens gute geistliche Impulse für die Gesamtkirche ausgehen und noch viele suchende und fragende Menschen bei uns Antwort finden und der Wirklichkeit Gottes in Jesus neu begegnen.
 

 
 
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